Interview mit Frau Steybe - Beauftragte für Chancengleichheit und demografischen Wandel



1. Frau Steybe, als Beauftragte für Chancengleichheit und demografischen Wandel sind Sie auch für die Neustrukturierung der Aalener Stadtteile in sogenannte Quartierscluster zuständig.  Können Sie kurz erklären, was ein Cluster ist, welcher Gedanke dieser Neustrukturierung zu Grunde liegt und welche Vorteile Quartierscluster nicht nur für die Kommune, sondern auch für das Gewerbe und  die BürgerInnen haben?

Cluster ist das englische Wort für Bündel und bedeutet hier, dass eine Menge von einzelnen Stadtgebieten zu einem einheitlichen Ganzen zusammengeführt wurde.  Die Stadt Aalen hat mit der Weststadt und der Innenstadt neun historisch gewachsene Stadtteile. Um eine bessere, weil einheitliche Planung innerhalb der Kommune zu gewährleisten, hat man vor ein paar Jahren – ich glaube, 2009 - die bereits bestehenden Stadtteile einfach zu Planungseinheiten zusammengefasst. So gibt es für jedes Planungsamt der Stadt Aalen nun eine einheitliche Datenlage, auf deren Grundlage es besser  Projekte – wie BIWAQ – Bunt. Charmant. Rötenberg. - planen und durchführen kann, weil jetzt genau festgelegt ist, welcher Straßenzug zu welchem Cluster gehört und welcher nicht. Somit lässt sich sehr leicht der Istzustand eines Quartiers ermitteln, was für die BewohnerInnen von Vorteil ist.
Denn nur, wenn man den Istzustand eines Quartiers leicht ermitteln kann, kann man auch die Bedarfe der BewohnerInnen ermitteln und ihnen gerecht werden.

2. Können Sie uns ein Beispiel aus der Praxis nennen?

Wenn zum Beispiel bekannt ist, dass in einem Quartier viele Familien mit Kindern leben und es in Zukunft auch mehr Familien im Quartier geben wird, kann man schauen, ob genügend Schulen und Kindergärten vor Ort sind und dementsprechend reagieren. Oder wenn klar ist, dass ein Quartier veraltet, kann die Stadt ermitteln, ob es dort genügend altersgerechte Wohnungen gibt oder genügend Ärzte und bei Bedarf entgegensteuern.                                                                                                                                                    

3. Wie viele Quartierscluster gibt es jetzt? Zu welchem Cluster gehört der Rötenberg zusammen mit welchen anderen Stadtteilen?

Die Stadt Aalen ist jetzt in 17 Quartiere bzw. Cluster aufgeteilt. Der Rötenberg gehört zusammen mit dem neu entstehenden Stadtoval, dem Galgenberg, der Heide und dem Hirschbach zum Quartier Q 03. Es ist das heterogenste Quartier der Stadt Aalen was die kulturelle Herkunft oder den sozialen Status der einzelnen BewohnerInnen angeht.

4. Frau Steybe, nach dem städtebaulichen Förderprogramm „Soziale Stadt“ folgt nur ein Jahr später „BIWAQ – Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier“ auf dem Rötenberg als ESF-Bundesprogramm.  Heißt das, dass die Maßnahmen in „Soziale Stadt“ auf dem Rötenberg nicht gegriffen haben oder wie ist BIWAQ zu verstehen?

Das Programm „Soziale Stadt“ war ja ein Programm der Städtebauförderung und ganz spezifisch auf den Sozialraum „Rötenberg“ ausgelegt.  Der Schwerpunkt dieses Programmes war sowohl die Wohn- und Lebensbedingungen in Quartieren zu verbessern,  als auch die Identifikation der BewohnerInnen mit ihrem Stadtteil zu stärken. Dabei hat die Kommune vor allem mit den vor Ort ansässigen Akteuren, Vereinen, Initiativen und Ehrenamtlichen zusammengearbeitet. So wurden unter anderem die Wohnhäuser und das Stadtteil-Zentrum „Treffpunkt Rötenberg“  saniert und neu strukturiert.  Es wurden aber auch kulturelle Projekte in der Sozialen Stadt umgesetzt: Bibliotheken wurden besucht oder Ausflüge zu Landesgartenschauen organisiert.
BIWAQ hat indes eine ganz klare Ausrichtung in Richtung Ausbildung, Integration in Arbeit und Stärkung der lokalen Wirtschaft. So bietet BIWAQ – Bunt. Charmant. Rötenberg. für RötenbergerInnen ab 27 Jahren einen Vorbereitungskurs zur/ zum staatlich anerkannten Hauwirtschafterin/ er in Teilzeit, niederschwellige gastronomische Schulungseinheiten sowie eine handwerkliche Kurzqualifizierung an. Das Projekt hilft überdies bei der Vermittlung in Arbeit.
Somit ist BIWAQ für mich eine logische Konsequenz aus der sozialen Stadt und baut auf deren Fundament auf.

5. Frau Steybe, welches Gewerbe/ welche soziale Infrastruktur findet sich (auch zukünftig) im Quartier Q 03?

Das Quartier ist heute noch durch die Gleise von der Innenstadt getrennt und ist dadurch –obwohl innenstadtnah – Randgebiet. Durch das geplante Stadtoval wird es mehrere Verbindungslinien (Fußwege und Fahrradwege) sowohl über die Gleise zur Innenstadt,  als auch vom Stadtoval zu den angrenzenden Stadtteilen geben. Wir verbinden also die Teilquartiere miteinander. Außerdem ist die Innenstadt mit ihren Einzelhändlern, Ärzten, Apotheken und öffentlichen Ämtern dann nur einen Katzensprung entfernt.  Natürlich wird es auch Angebote der Kinderbetreuung ziviler Träger für Kinder unter, aber auch über 3 Jahren vor Ort geben.
Darüber hinaus sind Freiflächen und Wasseranlagen für die BewohnerInnen  geplant. Auch kulturell wird mit dem Kulturbahnhof einiges geboten sein. Es wird künftig das „Kino am Kocher“, das Theater sowie die Musikschule beherbergen.  Das Stadtoval wird sozusagen der Ort sein, an dem sich die gesamte Bewohnerschaft treffen kann.  Die BewohnerInnen der Stadtteile des Quartiers Q03 haben sich bis jetzt vielleicht nicht gegenseitig bei ihren Veranstaltungen besucht, zukünftig werden sie sich aber alle auf dem Stadtoval treffen.  Die gefühlte Isolation der BewohnerInnen, die man schon durch das Programm „Soziale Stadt“ abzubauen begonnen hat, wird durch BIWAQ weiterhin abgebaut und durch das Stadtoval auch zukünftig abgebaut werden.  So entstehen ganz interessante Entwicklungsmöglichkeiten.

6. Was spricht für den Rötenberg als Wohn- und Arbeitsort?

Der Rötenberg ist vor allem in der Abendsonne einer unserer schönsten Wohngegenden. Man hat von dort einen wunderbaren Blick über die Stadt. Er hat meiner Meinung nach einen großen Wohlfühlfaktor und eine hohe Lebensqualität. Vor allem, weil das Wohngebiet lebendig ist und man sich als BewohnerIn ungezwungen bewegen kann, was ihn unglaublich charmant macht.
Da es auf dem Rötenberg keine ansässige Ökonomie gibt, lässt sich die Frage nach den Vorteilen des Rötenbergs als Arbeitsort nicht beantworten, ohne dabei das gesamte Quartier Q 03 und die städtebaulichen Maßnahmen auf dem Stadtoval zu betrachten.

7. Frau Steybe, die Stadt Aalen beschreibt sich in ihrem Leitbild selbst als generationengerechte Stadt mit vielen Kulturen. Sieht man sich den Rötenberg bzw. das gesamte Quartier Q 03 näher an, so trifft der zweite Teil dieser Aussage verstärkt auf ihn zu. Immerhin haben etwa  41% seiner BewohnerInnen Migrationshintergrund.  Ist dies sein Problem oder sein Potential?

Das ist definitiv seine Chance! Ein Team profitiert ja auch von den jeweils unterschiedlichen Kompetenzen seiner Mitglieder. Je unterschiedlicher die Dinge sind, die ein einzelnes Teammitglied jeweils in das Team einbringt, wie zum Beispiel Geschlecht, Alter, Herkunft usw., umso produktiver kann ein Team am Ende sein.  So ähnlich sehe ich das auch in Stadtteilen.  Bei einer homogenen Bewohnerschaft mag vielleicht eine hohe Identifikation mit dem Stadtteil vorhanden sein, aber es entwickelt sich auch nur sehr schwer etwas Neues.

8. Frau Steybe, die Identifikation der RötenbergerInnen selbst mit ihrem Stadtteil ist sehr hoch. Bei der Umfrage, die BIWAQ auf dem Rötenberg gemacht hat, gab der größte Teil der Befragten BewohnerInnen an, sich dort wohlzufühlen. Die oben genannten städtebaulichen Maßnahmen auf dem Rötenberg innerhalb des Förderprogramms „Soziale Stadt“ in der Vergangenheit scheinen den Wohlfühlfaktor noch verstärkt zu haben, dennoch verbinden viele Aalener den Stadtteil mit negativen Bildern.Woher meinen Sie, kommt diese Diskrepanz zwischen innerer und äußerer Wahrnehmung des Stadtteilteils?

Das hat historische aber auch politische Gründe. Das Quartier Q 03 ist ja in ganz unterschiedlichen Zeiten entstanden. Im 19. Jahrhundert siedelten sich Eisenbahner an. Nach dem zweiten Weltkrieg ist dann eine weitere Siedlungsstruktur für die Vertriebenen hinzugekommen. Bis heute leben in diesem Stadtteil vorwiegend Menschen mit Migrationshintergrund. Es sind also völlig andere Herkunftsgeschichten in verdichteter Form im Quartier Q 03 als in anderen Quartieren der Stadt Aalen. Es ist ein buntes Gemisch, das mit der Zeit entstanden ist. Städtebauliche Fehler und Fehler bei der Ansiedlungspolitik haben ihr Übriges dazu getan, diese Diskrepanz entstehen und wachsen zu lassen. Diese Fehler würden wir als Kommune heute nicht mehr machen. Trotzdem bleibt die Aussage: All diejenigen, denen Zuwanderung fremd ist, verstehen die Heterogenität eines Stadtteils als Nachteil.

9. Was denken Sie, können die Stadt und die dort ansässigen Institutionen/Vereine auf der einen und die BewohnerInnen selbst auf der anderen Seite tun, um die eben angesprochene Diskrepanz zu mindern?

Ich kann nur an die BewohnerInnen appellieren, sich nicht zurückzuziehen! Die Welt kann sich nur verändern, wenn wir gemeinsam Dinge umdefinieren. Es bringt uns nicht weiter, wenn man das klischeehafte Bild „was ein/e RötenbergerIn ist“ immer wieder reproduziert.

10. Oftmals haben BürgerInnen das Gefühl mit ihren Problemen nicht gehört und alleingelassen zu werden. Welche Wege geht die Stadt, um für Ihre BürgerInnen da zu sein und Ihnen Gehör zu verschaffen? Gibt es vor Ort zum Beispiel AnsprechpartnerInnen,  wenn es um wohntechnische und alltägliche Fragen geht? Wenn ja welche?
Wie können RötenbergerInnen die Zukunft ihres Stadtteils mitgestalten?

Allein schon im städtebaulichen Prozess - wie er jetzt auf dem Stadtoval stattfindet - sind mehrere Stationen der Bürgerbeteiligung verankert. Die Stadt gibt gerne Auskunft darüber, wo im gesamten Prozess für Bürgerinnen und Bürger Mitsprachemöglichkeiten vorhanden sind.  Die Bürgerinnen und Bürger können also den gesamten Prozess schon von der Planung ab begleiten. Aus Erfahrung kann ich sagen,  dass sich leider nur Bürgerinnen und Bürger aktiv beteiligen, die direkt betroffen sind, weil zum Beispiel ihr Grundstück an das zu bebauende Areal angrenzt.  Daher kann ich nur appellieren: Nehmen Sie diese Angebote wahr!
Oberbürgermeister Thilo Rentschler hat zum Beispiel mehrmals vor Ort über die städtebaulichen Maßnahmen informiert. Außerdem bin ich gerne bereit, Bürgerforen vor Ort anzuleiten.  Wenn ein derartiger Wunsch an uns herangetragen wird, machen wir das sehr gerne! Immerhin sind die Bürgerinnen und Bürger ExpertInnen für Ihren Stadtteil vor Ort. Nützen Sie also Ihre ExpertInnenrolle! 
Darüber hinaus gibt es mit Frau Bolsinger als Leiterin des Stadtteil-Zentrums „Treffpunkt Rötenberg“  eine städtische Mitarbeiterin vor Ort, die mit ihren MitarbeiterInnen eine direkte Ansprechpartnerin der BewohnerInnen der Stadt ist. An sie kann man sich ganz ungezwungen und niederschwellig mit seinen Fragen, Sorgen und Nöten, aber auch Anregungen wenden.


11. Bitte vollenden Sie diesen Satz: Der Rötenberg ist ….

… einer der schönst gelegenen Stadtteile unserer Stadt. 

 
©Treffpunkt Rötenberg

Print Friendly and PDF